Wanderer auf dem Erdwegesystem– auf den Spuren archetypischer Symbole in den Werken von Ingrid Wieser-Kil

Die Bilder von Ingrid Wieser-Kil nehmen einen zunächst durch ihren farbigen Rhythmus in Empfang. Flächen von Gelb, Grün, Rot, Orange, Braun und in jüngster Zeit auch Schwarz, strukturieren den Malgrund. Die Farben bestimmen die Entstehung des Bildes. Sie sind die Initialzünder für Form, Struktur und in ihrer farb- psychologischen Funktion – für Emotionen. Zur Erzeugung emotionaler Grundstimmungen werden die Farben von der Künstlerin bewusst genutzt – durch Kombinationen in ihrem Ausdruck verstärkt oder aber auch durch Brechung gemildert. Linien setzen Konturen und Akzente in den Farbflächen, dienen als Leitlinien für das Auge.

Ingrid Wieser-Kil will mit ihren Bildern Assoziationen im Betrachter wecken, ihn auf eine Reise durch eine individuelle Geschichte schicken. Linien und Spuren an der Oberfläche geleiten den Betrachter entlang imaginärer Flüsse und auf „Erdwegesysteme“ in eine zweite Welt jenseits der Realität. Begibt man sich auf diese Reise, dann gibt es in den zunächst abstrakt erscheinenden Bildern viel Rätselhaftes zu entdecken. Amöbenartige Strukturen begleiten Einen – sie bereichern wie Seeanemonen das Riff in „Neptuns Garten (2009)“ oder materialisieren sich zu Bestandteilen eines Wesens „tierisch“ (2011) .

Ingrid Wieser-Kil lenkt mittels ihrer fantasievollen Titel unsere imaginäre Vorstellungskraft. Sie nimmt den Betrachter damit an die Hand und öffnet Türen in fremde Bildwelten.

Aus dem abstrakten Farbraum ihrer Werke taucht Bekanntes an die Oberfläche  – Augen, Fische, Boote, Tische und Häuser –  archetypische Symbole der Menschheitsgeschichte, die allgemeingültige Bedeutung erfahren haben und auf der ganzen Welt verstanden werden. Sie finden sich auf Töpfen frühgeschichtlicher Stämme, Stelen ägyptischer Reliquien und Wandmalereien australischer Aborigines. Es sind Bilder unseres kulturellen Gedächtnisses, das wie der Kulturwissenschaftler Jan Assman erklärt, „unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“  Daher fühlt man sich so geborgen in den Bilderwelten von Ingrid Wieser-Kil, denn man bewegt sich durch vertraute Traumwelten. Die Künstlerin kann daher mit ihren Werken als Botschafterin unseres globalen kulturellen Gedächtnisses aufgefasst werden.

 Dr. Karin Dohrmann